Empowered by Klimawandel?

Neue Energie für die Europäische Union

Energie ist einer der Grundpfeiler der europäischen Integration. Dabei wurden in der europäischen Energiepolitik allerdings lange die Umwelt- und Klimafolgen vernachlässigt (vgl. Morata, Solorio 2012).

Die globale Erderwärmung ist heute nicht mehr anzuzweifeln: Jedes der letzten drei Jahrzehnte war an der Erdoberfläche sukzessive wärmer als alle vorangehenden Jahrzehnte seit 1880.[1] Auch die Co2-Emissionen haben sich in den letzten Jahren so schnell erhöht, wie nie zuvor und tragen maßgeblich zur globalen Erderwärmung bei. Sie belasten unseren Planeten, verstärken Ungleichheiten, Fluchtursachen und den Klimawandel.
Um diese dramatischen Folgen zu verhindern, müssen wir radikal umdenken, um das Ende der fossilen Energie einzuleiten und Öl, Gas, Kohle und Kernkraft als Energieträger durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Der Ausbau erneuerbarer Energien sollte eines der Schlüsselelemente der zukünftigen europäischen Energiepolitik sein – nachhaltig, sauber und sicher.

Pariser Klimaabkommen noch immer im Standby – Press „ON“

Nach der erfolgreichen Verabschiedung des Pariser Klimaabkommens befinden sich die EU und ihre Mitgliedsstaaten am Scheideweg, ihre Verpflichtungen nun konkret umzusetzen. Hierfür bedarf es einer Mobilisierung der EU (rechtlich, finanziell), des Marktes (Innovation) und der Zivilgesellschaft (Initiatoren, Konsumenten).

Saubere Energie produzieren und dreckige importieren?

Das lange Ladekabel der EU

Ein Großteil des europäischen Energiebedarfs wird heute noch importiert. Die europäischen Staaten sind damit von anderen Ländern mit zumeist von fossilen und teils umweltschädlichen Energieimporten abhängig. Diese Abhängigkeit gilt es zu überwinden und autonom in der europäischen Energiepolitik zu werden. Andernfalls sitzen die außereuropäischen Energielieferer am längeren Hebel bzw. an der Steckdose Europas. Auch der jüngste Gaskonflikt zwischen Russland und der Ukraine lehrt, wie gefährlich solche Abhängigkeiten sind, wenn die die Beziehung einmal einfriert. Damit steht die geplante Gaspipeline „North Stream 2“ dem Ziel einer energetischen Unabhängigkeit der EU entgegen und ist auch klimapolitisch fragwürdig.

Umdenken in der Energiepolitik – eine dritte industrielle Revolution?

Das alte Wachstumsmodell mit hohem Ressourcenverbrauch und großer Umweltbelastung kann nicht länger fortbestehen!  Wie auch die Wirtschaft, muss unsere Energieversorgung den notwendigen Strukturwandel vollziehen, um sparsam mit Ressourcen umzugehen und nachfolgenden Generationen eine Chance zu ermöglichen. Fossile Energieträger sollten daher durch emissionsfreie alternative Energien ersetzt werden.

In Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind die Warnsignale angekommen, die Diskurse über Klimawandel und Nachhaltigkeit haben Einsicht gewonnen. Die drohende Rodung des Hambacher Forsts und der massive Widerstand, worüber über die Grenzen Deutschlands hinweg berichtet wurde, zeigen, dass ein gesellschaftliches Umdenken stattfindet. Es ist inzwischen auch ein hochrangiges politisches Ziel der EU neben dem Umlenken aus Gründen der Versorgungssicherheit, auch die klimaschädlichen Effekte in der Energieversorgung nachhaltig zu reduzieren. Hierbei könnte die EU eine Vorreiterrolle einnehmen. Einer Studie der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien April (2018) zufolge, könnte eine globale Energiewende bis 2050 möglich sein.[2] Dafür seien allerdings radikale Veränderungen notwendig.

Die notwendige Energiewende ist zugleich eine Chance nach Ende des „Ölzeitalters“ eine dritte industrielle Revolution einzuleiten.“[3]

Diese dritte industrielle Revolution dürfte sich darüber hinaus nicht auf den Energiesektor beschränken. Bei dieser ökologischen Transformation geht es um ressourceneffiziente Technologien, regenerative Energien, intelligente Stromnetze, neue Werkstoffe, vernetzte Stoffkreisläufe, Elektromobilität, Modernisierung des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs, Umbau der Städte, CO2-Recycling, High-Tech-Biolandwirtschaft und vieles mehr.[4]

Wirklich grüne Energie stahlt nicht und schwärzt keine Lunge

Oder das Märchen von sicheren, emissionsfreien AKWs und sauberer Kohle

Während in Deutschland die letzten Atomkraftwerke (AKWs) 2022 außer Betrieb genommen werden, behält die Kernenergie in Europa eine wichtige Größe bei. Vor allem bleiben durch die in den Nachbarländern betriebenen AKWs die grenzüberschreitenden Gefahren bestehen und sind unverantwortbar!  Aktuell (2018) befinden sich europaweit über 130 AKWs in Betrieb, allein 50 davon im Nachbarland Frankreich. Auch neue AKWs sind im Bau. Zwar stimmt es, dass dabei weniger Emissionen produziert werden, als beispielsweise durch Kohlekraftwerke, jedoch produzieren diese stetig radioaktiven Müll, für den es nach wie vor keine bessere Lösung gibt, als ihn irgendwo endzulagern. Und die Person, die gerne an so einem Endlager wohnt oder von dort Lebensmittel bezieht, muss erst noch gefunden werden! Kohlekraftwerke ihrerseits produzieren zwar den Müll nicht, jedoch untragbare Emissionen. Die Idee der „sauberen Kohle“ ist bislang eine Illusion. Mit sogenannten CCS- Technologien (Carbon Capture and Storage – Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (CO2)) soll diese Energie „sauber“ gemacht werden. Dabei soll das abgespaltene Kohlendioxid zwar nicht mehr in die Luft entsendet werden und dort der Atmosphäre schaden, sondern in den Boden. Dauerhaft soll es unterirdisch eingelagert werden. Die Technik hierfür ist erstens bis voraussichtlich 2020 noch nicht marktreif und zweitens ist man sich über die Auswirkungen solcher massiver Einspeicherungen nicht bewusst – was bedeutet dies für unser Grundwasser und unsere Böden? Zudem könnte ein Wiederaustreten des geruchlosen Gases nicht nur das Ziel der Einspeicherung verfehlen, sondern sogar zur Todesfalle werden; Eine Konzentration von 8-10% in der Atemluft genügt bereits, um tödlich zu wirken.

Für mich steht somit fest, wir müssen die Entwicklung, Verbesserung und Installation von erneuerbaren Energielösungen vorantreiben!

Vorsicht Hochspannung – Interessenkonflikte in der EU

In der EU stieg der Anteil der erneuerbaren Energien zwischen 2005 und 2015 um 71 Prozent. Dies ist bereits eine beachtliche Steigerung, an der man nicht lockerlassen darf!

Aktuell verhandeln die EU-Mitgliedsstaaten über die neue Energie- und Klimastrategie für 2030 – das „Clean Energy“-Package. Dieses wird die zukünftige europäische Energie- und Klimapolitik maßgeblich bestimmen.  Der im Trilog gefundene Minimalkonsens, den Anteil erneuerbarer Energien bis 2030 auf 32 % zu erhöhen, erscheint bei der Dringlichkeit des Handelns nicht ambitioniert genug.

Allerdings verfolgen die EU-Mitgliedsstaaten in der Energiepolitik unterschiedliche Interessen. Beispielsweise hält der polnische Staat an der Kohle als ihren wichtigsten Energieträger fest: Drei Mal hat Polen im Europäischen Rat als einziger Mitgliedsstaat ein Veto gegen die „Energy Road Map 2050“ eingelegt. Im Anbetracht der globalen Herausforderungen und Umweltproblematiken, erscheint eine Konvergenz der europäischen Energiepolitiken unausweichlich. Es geht auch darum, dass die Nationalstaaten das gemeinsame Problem erkennen und es – ganz im Sinne Rousseaus – mit einer „volonté générale“ angehen.

Bedeutet diese Spannung zwischen den Mitgliedsstaaten das Aus für eine europäische Energiewende? Keinesfalls!

Europa kann mehr! Europa kann Energiewende!

EU – soll Anreize für allgemeine und einheitliche Energieziele geben.

Langfristiges Ziel der EU-Energiepolitik ist die Umstellung auf einen 100% regenerativen und effizienten Energiesektor mit der Minimierung der Umwelt- und Gesundheitsrisiken. Die Frage stellt sich, mit welchen Maßnahmen diese erreicht werden soll. Vier Kernpunkte, die „Vier D’s“ erscheinen bei der Umsetzung maßgeblich:

Dekarbonisierung, Dezentralisierung, Demokratisierung und Digitalisierung.

Die Vorteile einer dezentralen, demokratischen und vernetzten europäischen Energiewende liegen auf der Hand. Sie verbessert die Luftqualität, fördert lokale Initiativen und schafft Arbeitsplätze. Dadurch fließt auch mehr Geld in die lokale Wirtschaft.[5]

Dekarbonisierung und Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien

Eine Dekarbonisierung ist in Anbetracht der nachhaltigen und sicheren Alternativen möglich und notwendig! Die zahlreichen umweltfreundliche Energieträger stehen weltweit unendlich zur Verfügung: Wind-, Solar-, Meeres-, Wasser-, Bioenergie und Erdwärme (Geothermie). Es ist essenziell, diese uns zur Verfügung stehenden Ressourcen zu nutzen!

Bereits heute lassen sich erste Anzeichen für die Wirtschaftlichkeit (Rentabilität) dieser erneuerbaren Energiegewinnungsmethoden erkennen: Ein Beispiel ist die Windenergie in Deutschland. Bei der letzten Ausschreibung für Offshore-Windkraftanlagen war die Bundesnetzwerkagentur überrascht, Angebote von Herstellern ohne Subventionsansprüche zu erhalten. Der Energiepreis aus der Windkraft liegt bei rund 60 € je MW / h. Das ist fast drei Mal weniger, als in Frankreich, wo die EDF (Energiekonzern) mit der Erhöhung der Stromproduktionskosten aus seinen AKWs konfrontiert ist. Während der französische Staat versucht, die Atomindustrie mit großem Aufwand zu retten, zeigt sich in Deutschland bereits, dass eine Alternative möglich und vor allem auch profitabel ist.

Darüber hinaus zeigt eine Studie des Forums ökologische Marktwirtschaft, dass die fossilen und konventionellen Energieträger – unter Berücksichtigung aller Subventionen – z.T. erheblich teurer als die erneuerbaren Energieträger sind! Damit ist auch das Argument der konventionellen Energieträger, erneuerbare Energien seien zu teuer, widerlegt. [6]

Und Grüne Innovation schafft Arbeitsplätze: Durch die ökologische Energiewende könnten etwa dreimal mehr Arbeitsplätze entstehen als bei den konventionellen Energien wegfallen.[7]

 

Dezentralisierung und Demokratisierung im Energiesektor: Europäische Impulse für die lokale Umsetzung

Eine europäische Energiewende kann nicht ohne die Zustimmung und Willen der BürgerInnen gelingen. Lokale Gemeinschaften müssen in Entscheidungen und vor allem in den Prozess der Umsetzung von Gemeinschaftsprojekten zur lokalen Energiegewinnung eingebunden werden. Dadurch kann Akzeptanz geschaffen werden. Darüber hinaus könnten sie ihren Energiebedarf teilweise autonom decken, lokale Unternehmen hätten bessere Chancen, sich bei den entsprechenden Investitionen zu beteiligen und Gewinne würden die lokale Wirtschaft ankurbeln. Ein weiterer Vorteil wäre, dass jeweils die Energiegewinnungsmethode gefördert werden würde, die in dem Kontext langfristig am Ergiebigsten und Effizientesten erscheint.

Die EU sollte mehr Anreize schaffen für lokale Initiativen, in dem sie finanzielle Mittel zur Verfügung stellen. Hierfür benötigt es ein einheitliches Verfahren zur Finanzieren von Projekten mit erneuerbaren Energien.

 

Digitalisierung und Sektorenkopplung für mehr Effizienz

Die digitalen Möglichkeiten bereiten uns die Grundlage für einen vernetzen, transparenten und effizienten Energiemarkt. Durch die Vernetzung und Zusammenführung bisher unabhängiger Energiesektoren – Strom, Wärme, Mobilität – wäre ein 100% erneuerbares Energiesystem bereits heute möglich: Durch die Sektorenkoppelung kann das Problem der nicht ständig verfügbaren Sonnen- und Windenergie ausgeglichen werden und Flexibilitätsoptionen bieten.

Alle vier D’s – Dekarbonisierung, Dezentralisierung, Demokratisierung und Digitalisierung-  befinden sich in auf europäischer Ebene im Fortschritt. Die nächste Frage, die sich daraufhin stellt, ist, wie man die verbindliche Umsetzung sicherstellen kann und wie schnell und effektiv sie umgesetzt werden.

 

Dafür will ich mich im Europa-Parlament mit Herz, Hand und Verstand einsetzen!

 

 

EISSEL, Dieter; KO, Jong-Hwan. 2016: Energiewende: Ziele und Maßnahmen der Europäischen Union unter besondere Berücksichtigung Deutschlands.

HAAS, Tobias. Umkämpfter Wandel: Der unvollendete EU-Energiebinnenmarkt und die europäische Energiewende. In: Die politische Ökonomie der Energiewende. Springer VS, Wiesbaden, 2017. S. 73-144.

BUCHHOLZ, Wolfgang; PFEIFFER, Johannes. Energiepolitische Implikationen einer Energiewende. ifo Schnelldienst, 2011, 64. Jg., Nr. 18, S. 30-39.

IRENA 2018 : Global Energy Transformation: https://drive.google.com/file/d/1FMG4fT7cPKjFC-NvM3wMJu3gG242t-dO/view

FÜCKS, R. 2013  Intelligent wachsen. Die grüne Revolution.  http://www.boell.de/wirtschaftsoziales/wirtschaft/wirtschaft-thesen-grunes-wachstum-ralf-fuecks-16932.htm

https://www.boell.de/sites/default/files/energieatlas2018.pdf

https://www.economist.com/special-report/2018/03/15/europe-tries-to-lead-the-way-on-clean-energy

www.wind-energie.de/Vorwort

http://www.klimaretter.info/tipps-klima-lexikon/2511-ccs-technologie?catid=100%3Ac

[1] EISSEL, Dieter; KO, Jong-Hwan. 2016: Energiewende: Ziele und Maßnahmen der Europäischen Union unter besondere Berücksichtigung Deutschlands.

[2] IRENA 2018 : Global Energy Transformation: https://drive.google.com/file/d/1FMG4fT7cPKjFC-NvM3wMJu3gG242t-dO/view

[3] EISSEL, Dieter; KO, Jong-Hwan. 2016: Energiewende: Ziele und Maßnahmen der Europäischen Union unter besondere Berücksichtigung Deutschlands.

[4] Fücks, R. (2013), Intelligent wachsen. Die grüne Revolution.  http://www.boell.de/wirtschaftsoziales/wirtschaft/wirtschaft-thesen-grunes-wachstum-ralf-fuecks-16932.htm

[5] https://www.boell.de/sites/default/files/energieatlas2018.pdf

[6] www.wind-energie.de/ Vorwort

[7] IRENA 2018 : Global Energy Transformation: https://drive.google.com/file/d/1FMG4fT7cPKjFC-NvM3wMJu3gG242t-dO/view

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