Anders Wirtschaften

Gemeinwohlökonomie:

Stuttgart und das Ländle haben sich auf den Weg gemacht!

 

Der Mensch tauscht, handelt, verhandelt, wirtschaftet mit Ressourcen, mit Erzeugnissen, Fähigkeiten
und Ideen. Seit jeher. Das ist sein Wesen. Wenn wir Grünen – wie von Winfried Kretschmann
gefordert – eine „neue Wirtschaftspartei“ sein wollen, sehr gerne! Dafür braucht es
aber eine Transformation! Einen guten Weg hin zu einer neuen sozialen, ökologischen und
ethischen Entwicklung der Wirtschaft zeigt die Gemeinwohlökonomie auf. Im Mittelpunkt dieser
Art zu wirtschaften steht der Mensch!

Der Planet ist endlich
Es ist eine schlichte Tatsache, dass die Art, wie wir wirtschaften, auf den weltweit gleichen
Bedingungen beruhen, die letztendlich auf die Ausplünderung von Natur- und Humankapital
hinauslaufen und die ein ewiges Wachstum – auf einem endlichen Planeten! – voraussetzen.
Obwohl in fast allen Verfassungen unserer westlichen Demokratien schwarz auf weiß steht,
dass das Ziel des Wirtschaftens das Wohl der Allgemeinheit sei, wird dieses selten erreicht.
Mit Schuld daran sind menschengemachte Rahmenbedingungen. Sie fördern oftmals genau
das Gegenteil: ökologisch und gesundheitlich bedenkliche Produkte und menschenunwürdige
Arbeitsbedingungen. Auch im wirtschaftsstarken Stuttgart müssen Firmen um ihr Überleben
kämpfen und können nicht immer (allzu) ethisch handeln, da dieses ethische Handeln leider
in keinster Weise belohnt wird. Sehr anschaulich wurde dieser Prozess bei den Verhandlungen
zum TTIP (transatlantic trade and investment partnership), dem geplanten Freihandelsabkommen
zwischen der EU und den USA. In diesen Verhandlungen war sehr oft die Rede von Investitionsschutz,
Arbeitsplätzen und Exportbedingungen für Firmen. Kaum thematisiert wurden
gemeinsame Werte wie Transparenz, Demokratie, globale Solidarität und ökologische Nachhaltigkeit.
Um neue Märkte zu öffnen und zu sichern, sollten Unternehmen etwa die Möglichkeit
erhalten, Standards im Bereich der Umwelt- oder auch der Gesundheitspolitik zu „harmonisieren“.
Laut Kritikern bedeute das, dass tendenziell der jeweils niedrigste bzw. wirtschaftsfreundlichste
Standard aller Vertragspartner als Basis für die verbindliche Norm dienen werde.
Ein solches „Frei“-Handelsabkommen ginge in die völlig falsche Richtung.
Stattdessen brauchen wir neue Wirtschaftsmodelle, die soziale, ökologische und ethische
Werte in den Mittelpunkt stellen. Eine Wirtschaft, die dem Menschen dient und nicht
umgekehrt! Natürlich sind diese Gedanken nicht neu und die Wege dorthin vielfältig. Der Gesetzgeber
versucht z. B., die negativen Auswirkungen einzudämmen, indem er Vorgaben und
Grenzwerte macht, diese werden aber durch starken Lobbyismus den eigentlichen Zielen oft
nicht gerecht. Es gibt auch alternative Modelle wie die solidarische, die Gemeinwohl- oder die
Postwachstumsökonomie. Sie befruchten sich gegenseitig und lenken den Fokus auf das
Thema „anders wirtschaften!“

 

Eine Wirtschaft, die dem Menschen dient?
Die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) ist eine junge Reformbewegung, die 2010 in Österreich von
Christian Felber und einer Gruppe von Unternehmern begründet wurde. Sie sticht heraus, weil
sie statt „revolutionär“ eher „evolutionär“ agiert und ein Beginn im bestehenden Wirtschaftssystem
ermöglicht. Heute wird sie bereits von über 2.000 Unternehmen, mehr als 6.000 Privatpersonen,
rund 200 Vereinen und mehr als 60 Politiker*innen überwiegend in Österreich,
Deutschland und Spanien unterstützt. Und auch weltweit hat die GWÖ ihre Anhänger. Etwa
in Chile, Peru, Argentinien und Ghana sind gemeinsame Initiativen von Bürgern und Unternehmen
gegründet worden. Die Grundidee ist, in einem demokratischen, partizipativen und
ergebnisoffenen Prozess ein Wirtschaftssystem zu etablieren, in dem das Gemeinwohl an
oberster Stelle steht und sich wirtschaftlich lohnen soll. Unternehmen, Organisationen, aber
auch Gemeinden und Regionen sollen für sich neue Kriterien und Handlungsfelder definieren
und bewerten, die für alle Beteiligten Vorteile bringen. Das Ziel ist erstens, Kooperation statt
Konkurrenz zu fördern, und zweitens, durch das Offenlegen von Möglichkeiten Entscheidungen
zu treffen, die dem Gemeinwohl dienen, und die Konsumenten wie die öffentliche Hand
dazu zu bewegen, dies konkret zu unterstützen.

 

„Was bewirke auf der Welt?“
Die Gemeinwohlbilanz ist das „Herzstück“ der GWÖ (siehe Matrix). Sie misst unternehmerischen
Erfolg in einer neuen Bedeutung. Es werden neben der klassischen Finanzbilanz also
Werte wie Schaffung von gesellschaftlichen Nutzwerten, Bedürfnisbefriedigung, Sinnstiftung,
Teilhabe aller, Mitbestimmung, Geschlechterdemokratie, ökologische Nachhaltigkeit und Lebensqualität
gemessen und vergleichbar gemacht. Die Gemeinwohlbilanz ist somit ein konkretes,
umsetzbares Instrument für Unternehmen und Organisationen aller Größen und
Rechtsformen. Zudem wurde sie 2015 vom Sozial- und Wirtschaftsausschuss der EU als Indikator
für den seit 2017 verbindlichen Nachhaltigkeitsbericht anerkannt und hat somit gute
Chancen, als Top-Standard einer „Ethik-Bilanz“ für die nationalen Richtlinien betrachtet zu
werden. Bekannte Unternehmen wie der Outdoor-Ausrüster VAUDE, die Sonnentor Kräuterhandelsgesellschaft,
die Sparda-Bank München, aber auch soziale Einrichtungen wie das Diakoniedorf
Herzogsägmühle oder die Rieselfeld-Waldorfschule in Freiburg betonen, dass die
Auseinandersetzung mit dem GWÖ-Prozess einen tiefgehenden ethischen Management- und
Motivationsprozess in dem Unternehmen bzw. der Organisation ausgelöst hat.
Die Gemeinwohl-Ökonomie hat also nichts weniger im Sinn, als die Wirtschaft auf denselben
Grundwerten aufzubauen, auf deren Basis auch zwischenmenschliche Beziehungen gelingen:
Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität und Bedürfnis zu teilen. Nach aktuellen
wissenschaftlichen Erkenntnissen sind gelingende Beziehungen das, was Menschen an
erster Stelle zu Glück und Motivation führt.

Global denken, in der Kommune handeln
Bereits 2015 haben die Grünen im Stuttgart Rathaus sich bei den Beratungen zum Doppelhaushalt
2016/2017 dafür stark gemacht, dass auch die öffentliche Hand, also in dem Fall die
Stadt Stuttgart, mit gutem Beispiel vorangeht und die Gemeinwohlökonomie bekannter
macht und im besten Fall sogar selbst anwendet. Vier städtische Beteiligungsunternehmen
haben sich dadurch als Pioniere mit der Gemeinwohlbilanzierung auseinandergesetzt und
viele Impulse bereits umgesetzt. Die Eigenbetriebe „Leben und Wohnen“ (städtische Seniorenheime)
und die ökologisch fortschrittliche „Stadtentwässerung Stuttgart“ sind nun dabei,
den kompletten Prozess durchzuführen und innovative und übertragbare Schlüsse zu ziehen,
wie Wirtschaft und Gemeinwohl quantifizierbar und sichtbar vereint werden können.
Bei den Grünen Stadträt*innen ist die Freude groß, dass sich im Gemeinderat eine Mehrheit
dafür abzeichnet, das Projekt durch die Stadt weiter auszubauen: „GWÖ- Erstgutachten“ für
Kleinunternehmen sollen ko-finanziert werden, Nachhaltigkeitsbeauftragte von großen Unternehmen
sowie Stiftungen etc. sollen durch eine Vortragsreihe und Workshops über die
Vorteile einer Gemeinwohlbilanzierung informiert werden.

Gute Ideen ziehen weite Kreise
Ein weiterer Erfolg der GWÖ-Bewegung in Baden-Württemberg ist, dass auch die Landesregierung
Interesse an dem Thema signalisiert hat, indem sie die GWÖ in ihrem Koalitionsvertrag
ausdrücklich begrüßt. Erwartet wird laut grün-schwarzem Koalitionsvertrag nun die Gemeinwohlbilanzierung
eines landeseigenen Beteiligungsunternehmens innerhalb der Wahlperiode
2016-2021. Denn für uns Grüne ist besonders wichtig, dass nach der Landeshauptstadt auch
ein Landesunternehmen den Prozess der Gemeinwohl-Bilanzierung durchläuft, um erstens
dem Vorbild-Charakter gerecht zu werden und zweitens wichtige Impulse für die privaten Unternehmen
zu geben.
Die GWÖ-Bewegung ist mittlerweile den Kinderschuhen entwachsen. Bis „Gemeinwohlorientierung“
für alle Unternehmen monetär interessant wird, ist es noch ein weiter Weg. Aber auf
Dauer der einzige gangbare. Dazu braucht es motivierende politische Initiativen in den Gemeinden,
Pioniere bei den Unternehmen und Einrichtungen sowie vorzeigbare Unterstützung
durch die öffentliche Hand (z.B. Vorteile bei Ausschreibungen, Vergaben usw.).
Wir können alle die Gemeinwohl-Ökonomie unterstützen, indem wir selbst in unserem Betrieb
oder unserer Wirkungsstätte die Vorteile der GWÖ-Bilanz bekannt machen und anregen,
indem wir die GWÖ-Bürgerinitiativen, die sogenannten „Energiefelder“, unterstützen, und indem
wir die politischen Akteure ermutigen, sich dafür einzusetzen.
Alternativen beflügeln!
Mehr Infos zur GWÖ gibt es unter https://www.ecogood.org/

Anna Deparnay-Grunenberg, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stuttgarter Gemeinderat für GAR

 

Einladung zur Pressekonferenz Januar 2018Gemeinwohl-Ökonomie-Bilanzen weiter als Treiber der Nachhaltigkeit in Stuttgart verankern.

mit Daniela von Pfuhlstein, Gemeinwohl-Ökonomie, Jürgen Linsenmaier, Ethik- und Reputationsexperte
Prof. Dr. Klaus Gourgé, Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen,
Sabine Bergmann-Dietz, Geschäftsführerin Eigenbetrieb Leben & Wohnen (ELW), Clemens Morlok, Geschäftsführer just call GmbH, Felix Ziegenbein, Geschäftsführer Heinz Ziegenbein GmbH & Co. KG