Wirtschaften für das Gemeinwohl: Deparnay-Grunenberg möchte die Wirtschaft evolutionieren

Die deutsch-französische 42-jährige Europakandidatin der Grünen, Anna Deparnay-Grunenberg, wünscht sich große Veränderungen. Doch sie strebt eine Umsetzung in kleinen Schritten an. Tatsächlich sieht sie ihre Pläne zur Erreichung einer ethischeren und ökologischeren Wirtschaft nicht als Revolution sondern als Evolution, als Weiterentwicklung. Das kapitalistische Wirtschaftssystem, wie wir es kennen, hat bereits unzählige Veränderungen und Anpassungen durchlaufen. „In Deutschland, haben wir dem Wort ‚Marktwirtschaft‘ ein wichtiges Adjektiv hinzugefügt:  sozial. Ich denke es ist an der Zeit, dass wir dieses ernst nehmen und weitere hinzufügen: ‘ethisch und ökologisch’”, sagt Deparnay-Grunenberg. Konkret möchte sie in der EU eine Ökonomie des Gemeinwohls schaffen. Sie unterstreicht, dass wir dem Klimawandel, Artenschwund und der großen sozialen Schere, die zum Auseinanderdriften der Gesellschaft führt, nur entgegenwirken, wenn wir eine neue Erfolgsmessung durchsetzen und konkrete, transformative Anreize für die Marktteilnehmende schaffen.

Auf dem Weg zu einem verbindlichen „Ethic Score“

Mit transformativen Prozessen kennt sich Deparnay-Grunenberg aus. Die studierte Forst- und Umweltwissenschaftlerin ist als Spezialistin für Transformationsprozesse und Bildung für nachhaltige Entwicklung als Selbstständige mit ihrem Unternehmen AbenteuerWandel unterwegs. Sie unterstützt Menschen aus eingefahrenen Mustern auszubrechen, frisch zu denken und Neues zu gestalten. Diese Fähigkeiten möchte sie im Europa-Parlament einbringen. Sie möchte sich dafür einsetzen, dass Instrumente wie die Gemeinwohlbilanzierung von Unternehmen, Erfolg und Förderfähigkeit von Unternehmen neu bewertet. In der Reform des „Non-Financial-Reporting“ der EU sieht Deparnay-Grunenberg die Gelegenheit diesen elementaren shift in der Erfolgsmessung in Richtung Gemeinwohl zu vollziehen. Hierfür ist aus ihrer Sicht eine Vergleichbarkeit der verschiedenen Maßstäbe zur Nachhaltigkeitsbewertung (wie CSR, B Corp, DNK, GWÖ-Bilanz) in Richtung eines „Ethic Score“ anzustreben.

Anders Wirtschaften von der Kommune bis Europa

Eine Wirtschaft, die wirklich dem Menschen und der Gemeinschaft zugute kommt, verfolgte sie bereits auf kommunaler Ebene als Vorsitzende der Fraktion von B90/Die Grünen im Stuttgarter Stadtrat und Mitglied des städtischen Wirtschaftsausschusses. Sie setzte beispielsweise die #Divest! Anlage-Richtlinie durch. Nach dieser Richtlinie investiert die Stadt künftig weder in Kohle, Öl und Gas oder Produkte und Firmen, die sich Kinderarbeit bedienen oder mit der Rüstungsindustrie verbandelt sind.

Das Pilotprojekt „Gemeinwohlorientierung von Unternehmen“ in Stuttgart war ein weiterer Meilenstein war für Deparnay-Grunenberg. Seit 2015 haben zahlreiche Privatunternehmen und auch weltweit erstmalig zwei große kommunale Eigenbetriebe in Stuttgart den anspruchsvollen Bilanzierungsprozess der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ-Bilanz) durchlaufen. Dabei mussten die Unternehmen nichts Geringeres herausfinden als Antworten auf die Frage: „Was bewirke ich als Unternehmen in der Welt?“. Deparnay-Grunenberg möchte, dass die Politik die Rahmenbedingungen verändert und Anreizstrukturen schafft.

Ihre Devise ist, Unternehmen sollen gefördert werden, in dem Maße wie sie sich meßbar zunehmend ökologischer, sozialer und ethischer verhalten. Gleichzeitig sollte sich die Öffentliche Hand selbst verpflichten ihre eigene Ziele nach den Leitlinien der SDGs oder Pariser Klimaschutz-Ziele zu verfolgen und konsequent Unternehmen mit hervorragendem “Ethic score” den Vorrang bei der Beschaffung oder Vergabe gewähren.

„Mit den richtigen Anreizen können Unternehmen, laut Deparnay-Grunenberg zu realen Treibern der Nachhaltigkeit und des Gemeinwohls werden“. Ein erster Schritt auf diesem Weg ist auch solche ethischen Bilanzen von Unternehmen zu fördern, so fördert beispielsweise die Stuttgarter Wirtschaftsförderung auch private Unternehmen, wenn sie eine GWÖ-Bilanz machen möchten. Nachdem das Unternehmen sich über die Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft bewusst wird und darüber, dass soziale und ökologische Kosten auch als tatsächliche Kosten zu betrachten sind, kann es konkrete weitere Handlungsschritte definieren. Dazu wirkt der partizipative Prozess der GWÖ-Bilanzierung  im Unternehmen wie eine kollektive Suche nach „Sinn“ und fördert in hohem Maßen  somit die Motivation, die Bindung und die Innovationskraft der Mitarbeitenden.


Ein europäischer Green New Deal

Die Politikerin, möchte auf europäischer Ebene entsprechende Weichenstellungen vornehmen. Sie unterstützt den Green New Deal, den die europäischen Grünen in die Wege geleitet haben. Vorrangig ist eine Umlenkung des bereits bestehenden Investitionskapitals angestrebt, weg von fossilen Energien und Ressourcen intensiven Technologien und hin zu einer Kreislaufwirtschaft. Die Digitalisierung bietet hier unglaubliches Potenzial, das es laut Deparnay-Grunenberg, zu nutzen gilt. Und dies unter europäischen Datenschutzstandards, welche die strengsten der Welt sind. Es gilt die grüne Transformation politisch zu organisieren. Die Einpreisung von ökologischen und sozialen Kosten muss vorangetrieben werden, genauso wie ein transparentes und leicht verständliches Labellingsystem (wie z.B. die GWÖ-Ampel und die GWÖ-Bilanz als QR-Code auf jedem Produkt), damit Konsumenten leichter entscheiden können, welche Firmen, Entscheidungen in den Lieferketten und Produkte sie mit ihrem Kauf unterstützen möchten. Deparnay-Grunenberg möchte Verbraucherinnen und Verbraucher empowern anstatt zu bevormunden. Aktuell sei es zu schwierig selbst ökologische, soziale und ethische Kriterien anzuwenden, da die Informationsgrundlage beim Kauf einfach zu gering ist.

Auf Augenhöhe mit den Bürgerinnen und Bürgern Europas

Deparnay-Grunenberg möchte in den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern Europas intensivieren. Sie glaubt fest an ein Europa, das mehr kann. Ein Europa, in dem fairer gewirtschaftet wird. Ein Europa, das von der grünen Transformation beflügelt wird. Ein Europa, das eine bessere Lebensqualität für heutige und künftige Generationen ermöglicht. „Darum ist es notwendig über die Chancen, aber auch über die Herausforderungen, die zur Zeit in der Europäischen Union anstehen, mit den Bürgern und Bürgerinnen in einem lebendigen Wahlkampf offensiv zu diskutieren und sie somit zu animieren, demokratische Parteien zu wählen! Nicht Frust und Missmut zeichnet uns Europäer und Europäerinnen aus, sondern Zuversicht und Kreativität!“ So optimistisch steht die Grünen Politikerin mitten im Wahlkampf. Sie hofft, dass der 26. Mai ihr einen Platz im Europa-Parlament beschert und sie ihre Ideen dort mehrheitsfähig machen kann.