Mobilität – Ein Thema das bewegt

Städte als Herzstück der Transformation zur Nachhaltigkeit

„Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Städte sein: Urbane Räume werden zur zentralen Organisationsform nahezu aller menschlichen Gesellschaften. Die Stadtbevölkerung könnte sich bis 2050 weltweit von heute knapp 4 Mrd. auf dann 6,5 Mrd. Menschen vergrößern – und mit ihr die urbanen Infrastrukturen. Etwa zwei Drittel der Menschheit werden dann in Städten zu Hause sein“

 – Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WGBU 2016)

 

ExpertInnen sind sich mittlerweile einig: Die Städte sind das Herzstück der Transformation zur Nachhaltigkeit (Ernst et al. 2016, S. 2988). Gleichzeitig bedeutet Transformation in den Städten sich großen Herausforderungen zu stellen: Die Inertie der Strukturen, des Gebäudebestandes, der Straßen und Energienetze erschweren den Wandel (Næss and Vogel, 2012; De Graaf and Van der Brugge, 2010). Hinzu kommt, dass Städte in komplexen und interdependenten soziokulturelleren, wirtschaftlichen, politischen sowie institutionellen Kontexten verhaftet sind (Wamsler et al., 2013).

Nachhaltigkeit in den Städten betrifft von Abfallwirtschaft über Energie- und Wasserversorgung bis hin zum Konsumverhalten nahezu alle Bereiche des alltäglichen Lebens. Mein besonderes Augenmerk gilt dem Thema Mobilität. Denn, wenn die Städte das Herz der Transformation sind, dann ist die Mobilität ihr Schrittmacher. Mobilität ist stark an Lebensstile und Alltagshandlungen geknüpft. Jeden Tag sind wir mobil, jeden Tag sind wir unterwegs. Doch wie, wohin und wann wir dies sind hat enorme Auswirkungen auf unsere Umwelt.

ENDSTATION

Die Infrastrukturen vieler europäischer Städte sind autofreundlich angelegt worden, so auch Stuttgart, die Wiege der deutschen Automobilindustrie. Als Stadträtin erlebe ich hier wie die Stadt an ihre Grenzen stößt. Das große motorisierte Verkehrsaufkommen sorgt für verstopfte Straßen, erhöhten Lärmpegel, schlechte Luftqualität und damit geminderte Lebensqualität. Nun steht die Stadt, auch im Zuge der EU Richtlinie Luftreinhaltung (2008/50/EG) unter Druck nachhaltige Mobilität zu fördern.

UMSTEIGEN, BITTE

Diesen Druck, haben wir GRÜNE in Stuttgart als Aufwind genutzt. Wir haben den ÖPNV attraktiver gemacht, indem ab 2019 nun die vielen komplizierten Tarifzonen in Stuttgart durch eine ablösen und durch die Tarifreform 30% Rabatt erwirken. Natürlich ist dies nur ein erster Schritt. Ein Blick auf die Empfehlungen des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung für Globale Umweltfragen  (WGBU) macht sofort deutlich, dass ein bedeutend größerer Wandel angestoßen werden muss. Der WGBU empfiehlt die gänzliche Überwindung des motorisierten Individualverkehrs in den Innenstädten und eine vollständige Dekarbonisierung der Verkehrssysteme bis 2070!

EINSTEIGEN in den Wandel

Es braucht folglich innovative Ideen um unsere Städte zukunftsfähig zu machen. Wir müssen vernetzt denken. Es gibt bereits viele städtische Mobilitätsangebote, doch bis dato kein einheitliches verbreitetes System, um diese zu nutzen. Möchte jemand mehrere Angebote auf einem Weg nutzen, so muss er oder sie zunächst jede Fahreinheit einzeln recherchieren und bezahlen: Wann fährt der Bus? Wie viel kostet er? Wann der Regionalzug? Was sind die Kosten? Kann ich dann an Ort und Stelle ein Rad leihen? Etc.

Für uns steht fest, die verschiedenen Mobilitätsangebote müssen so kombinierbar werden (Intermodalität), dass sie als realistische Alternativen zum Auto gelten können.

„Innovationen entstehen an Schnittstellen zwischen verschiedenen Verkehrsträger, in der Verbindung von Mobilität mit Informations- und Kommunikationstechnologie sowie im Zusammenspiel mit der regenerativen Energieversorgung. Die Zukunft wird elektrisch, vernetzt und grün.“

Zukunftsvisionen zur Mobilität 2025: Vernetzt, elektrisch und grün Prof. Dr. Andreas Knie, Christian Scherf, Dr. Frank Wolter
Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ), Berlin

Darum setzen wir GRÜNEN uns für den Mobilitätspass ein. Dieser soll erstens die verschiedenen Verkehrsangebote integrieren und mit einer einzigen App bedienbar sein. Die App informiert über die verschiedenen Möglichkeiten an den Zielort zu gelangen, liefert Informationen über Verspätungen o.Ä. in Echtzeit und erlaubt den gesamten Weg per Klick auf einmal zu bezahlen.

Zweitens ist der mobilitätspass auch die Idee einer stark lenkende Maßnahme, da MIV-Nutzer*innen ebenso den Mobilitätspass kaufen müssen, wenn sie auf Stuttgarter Gemarkung fahren wollen. Das somit generierte Einkommen ermöglicht es das Jahresticket auf 365€/ Jahr für Jederman_Frau zu reduzieren und hat sicherlich noch den Effekt dass viele Menschen umsetigen, da sie ja sowieso das Jahresabo besitzen. Dafür benötigen wir eine Änderung der Landesgesetzgebung.

EINSTEIGEN in die Zukunft

Ab in die Lüfte

Zudem müssen neue Angebote geschaffen werden. In Stuttgart, wo unter dem Boden bereits verbohrtes Terrain und auf den Straßen der Stau herrscht, denken wir GRÜNEN uns mit neuen Verkehrsangeboten in die Lüfte zu begeben. Das Konzept Urbane Seilbahn finde ich ausgesprochen attraktiv. Seilbahnen lassen sich auch in bereits zementierte Infrastrukturen von Städten integrieren, da sie bis auf einige Pfeiler wenige Eingriffe nötig machen, zudem sie sind leise, emissionsfrei und auch im Sinne der inklusiven Mobilität für SeniorInnen und Kinder leicht zugänglich und nutzbar. Ich habe mich in Stuttgart stark für eine Machbarkeitsstudie eingesetzt, um eine solche Seilbahn zwischen Autobahn und Regionalbahnhalt durch das Industriegebiet Vaihingen/ Möhringen durchführen lassen. Die Stadt Stuttgart denkt mittlerweile über vier mögliche Seilbahnstrecken nach. Es ist angestrebt  urbane Seilbahnsysteme als Teil des ÖPNV einzurichten.

Auf nach neuen Ufern

Neue Wege, zeigt auch das Reallabor für Nachhaltige Mobilitätskultur in Stuttgart auf. Hier werden innovative Projekte aus der Zivilgesellschaft realisiert. Unter diesen finden sich beispielsweise die Initiative Freies Lastenrad, Bürger-Rikscha, PlusRad (die App, die Radfahren belohnt) und die Mobilitätsschule (für multi- und intermodale Mobilität). Neue Projekte stehen bereits in den Startlöchern und wir sind gespannt, mit welchen Ideen Stuttgart bereichert wird.

Auch der Blick auf andere Städte bringt uns voran. Vernetzung bedeutet auch europäisch zu denken und zu kooperieren. Die Niederlande haben beispielsweise das Projekt: Solar-Radweg (SolaRoad) in 2009 gestartet und bereits 2014 umgesetzt. Dabei zeigte sich der Solar-Radweg effizienter als angenommen. Diese Innovation geht gleich zwei Herausforderungen an: Infrastruktur für städtischen Radverkehr und städtische Energieversorgung. In Stuttgart haben wir diese Idee aufgegriffen und der Solarradweg ist bereits in Planung.

Auch in Städten mit einer etwas bergigen Topografie – wie Stuttgart – kann Radverkehr zunehmend gefördert werden. Aktuell läuft beispielsweise das Förderprogramm E-Lastenräder für Familien Förderprogramm E-Lastenräder für Familien.

 

Fahrt aufnehmen mit der EU

Es kommt eindeutig was in Bewegung bei uns in Stuttgart und vielen anderen Städten. Großer Treiber dieser Entwicklung ist die EU, die mit ihren Richtlinien Städte in Zugzwang bringt. Action! Ist also gefragt.

Wir müssen mutig sein, Raum für Innovation schaffen, neu und vernetzt denken. Ich glaube an eine Zukunft in der Nachhaltigkeit und Mobilität kein Widerspruch darstellen! Die Digitalisierung bietet in dieser Hinsicht unglaubliche Möglichkeiten. Lasst sie uns ergreifen! Und lasst uns die EU gestalten und mit ihr unsere Städte und Kommunen! Denn unsere Städte, sind die Herzen der Nachhaltigkeit, sie sollen lauter schlagen!

Quellen

De Graaf, R., Van der Brugge, R., 2010. Transforming water infrastructure by linking water management and urban renewal in Rotterdam. Technol. Forecast. Soc. Change 77, 1282e1291.

Ernst, L.; Graaf-Van Dinther, R. E. de; Peek, G. J.; Loorbach, D. A. (2016): Sustainable urban transformation and sustainability transitions; conceptual framework and case study. In: Journal of Cleaner Production 112, S. 2988–2999.

Næss, P., Vogel, N., 2012. Sustainable urban development and the multi-level transition perspective. Environ. Innov. Soc. Trans. 4, 36e50.

Wamsler, C., Brink, E., Rivera, C., 2013. Planning for climate change in urban areas: from theory to practice. J. Clean. Prod. 50, 68e81.

WGBU (2016): Der Umzug der Menschheit: die transformative Kraft der Städte. Zusammenfassung. Unter Mitarbeit von Clara Brandi, Carsten Butsch, Sebastian Busch, Frederic Hanusch, Rüdiger Haum, Melanie Jaeger-Erben, Miriam Köster, Mareike Kroll, Carsten Loose, Astrid Ley, Dörte Martens, Inge Paulini, Benno Pilardeaux, Teresa Schlüter, Gesa Schöneberg, Astrid Schulz, Anna Schwachula, Birgit Soete †, Benjamin Stephan, JohannesBrandi, Clara, Carsten Butsch, Sebastian Busch, Frederic Hanusch, Rüdiger Haum, Melanie Jaeger-Erben et al. Hg. v. WGBU. WBGU, Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Berlin (Urbanisierung). Online verfügbar unter http://www.wbgu.de/fileadmin/templates/dateien/veroeffentlichungen/hauptgutachten/hg2016/Kurzfassung_Urbanisierung_DT_1.pdf, zuletzt geprüft am 15.10.2018

 

Webseiten und weiterführende Links:

Der Grüne Mobilpass: https://www.gruene-bundestag.de/mobilitaet/der-gruene-mobilpass-28-03-2017.html

Seilbahn-Studie für Baden-Württemberg: https://vm.baden-wuerttemberg.de/de/ministerium/presse/pressemitteilung/pid/seilbahn-studie-fuer-baden-wuerttemberg-vorgestellt/

Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur : http://www.r-n-m.net/

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